08.11.2026
Lebensfrüchte – Fest zu Ilmar Randujas 100. Geburtstag
Ruth Richter
Als Ilmar Randuja, Pionier der biodynamischen Züchtung, 2024 im Alter von 98 Jahren in die geistige Welt trat, hinterliess er ein doppeltes Vermächtnis: einmal einen Schatz an Gemüse- und Blumensortensamen, zum anderen Tagebücher, Briefe, Gedichte und Aphorismen. Das Saatgut wurde zum grossen Teil von Eva Keller und Samuel Widmer, zu einem kleinen Teil von Hortus officinarum zur Erhaltung und Pflege übernommen. Sein Freund und Schüler Andreas Ellenberger setzte viele Stunden und Tage ein, um den schriftlichen Nachlass zu sichten und enthüllte auch hier so wertvolle Schätze, dass er sich entschloss, diese mit einem weiteren Büchlein für die Nachwelt verfügbar zu machen. Michaela Spaar, die schon für die erste Schrift zu Ilmars Leben für die biodynamische Pflanzenzüchtung viele Gespräche mit ihm geführt hatte, hatte auch in den letzten Lebensjahren noch einigen mündlichen Austausch mit ihm gepflegt.
Seine spirituelle Vision der Pflanzenwelt und der damit verbundenen Aufgabe des Menschen, insbesondere des Züchters, war ihm in den letzten vier, fünf Jahren offenbar noch viel deutlicher geworden. Die gemeinsame Evolution der Erde und der Naturreiche könne eben nicht nur auf die Vergangenheit bezogen werden, wie uns das z.B. in der «Geheimwissenschaft im Umriss» von Rudolf Steiner geschildert wird. Das gelte – jetzt als Aufgabe des Menschen – auch für die Zukunft. Andreas beauftragte Michaela Spaar, solche Aussagen, verwoben mit Texten und Gedichten aus dem Nachlass zu einem Büchlein zu gestalten, das Ilmars Leben insbesondere im Blick auf das innere Suchen und die seelische Entwicklung hinter seiner gärtnerischen und züchterischen Tätigkeit beschreibt.
Andreas organisierte ein Fundraising und sorgte so dafür, dass die Schrift «Ilmar Randuja – Lebensfrüchte. Pflanzenzüchtung und Selbsterziehung als Kulturaufgabe» 2026, zu Ilmars 100. Geburtstag, erscheinen konnte. Zu diesem Anlass gestaltete Andreas in einem letzten grossen Wurf eine zweitägige Feier im Rüttihubelbad.
Für die Menschen, die bei dieser mit der Buchvernissage, Gesprächen und Anekdoten aus Ilmars Umkreis und künstlerischen Darbietungen rundum gelungenen Veranstaltung dabei sein durften, schien es fast unglaubhaft, dass der, der dies alles massgeblich organisiert und gestaltet hatte, nicht mehr dabei war. So leitete ein Gedenken an Andreas Ellenberger den zweiten Tag des Festes ein. Im weiteren Programm kam das Genie des Organisators immer deutlicher zum Ausdruck: Mehr als ein Jahr zuvor hatte er vorsorglich leitende Persönlichkeiten aller grossen Züchtungsinitiativen angefragt, ob sie an diesem Tag einen Beitrag über die biodynamische Züchtung und somit über ihr Lebenswerk geben können – und so kam es, dass aus Österreich Reinhild Frech-Emmelmann von «Reinsaat» und aus Norddeutschland Christina Henatsch von «Kultursaat» angereist waren.
Eva Keller und Samuel Widmer gaben einen Einblick in ihre Züchtungs- und Erhaltungsarbeit mit Zuchtstämmen von Ilmar Randuja in der Schweiz. Die «Getreidezüchtung Peter Kunz» (GZPK) war durch ihren Gründer Peter Kunz vertreten, dem Andreas das Thema «Innere und äussere Bedingungen einer zukünftigen biologisch-dynamischen Pflanzenzüchtung» Monate zuvor wie ein Samenkorn anvertraut hatte. Daraus ist ein Beitrag gewachsen, der die Geschichte dieser Züchtungsbewegung von Rudolf Steiner über die Errungenschaften der Naturwissenschaft bis zur Wiedergewinnung der Erste-Person-Perspektive als methodisches Werkzeug der Züchtung umfasst hat. Steiner hatte angeregt, auf eine grundlegende Regeneration aller Kulturpflanzen zur Stärkung ihrer Vitalität hinzuarbeiten. Die in 40 Jahren Züchtung entwickelten Sorten der GZPK wachsen heute auf mehreren Tausen Hektaren in Europa. Nach der Erfahrung von Peter Kunz sind schöpferische Annäherung, Verinnerlichung und seelische Belebung innere Voraussetzungen für jene Urteilskraft, mit der Züchtende aus Tausenden von Pflanzen diejenigen erkennen können, die das Potential haben, sich an neue Bedingungen anzupassen. Moralische Verpflichtung und der geschulte Züchterblick – beides gehört untrennbar zusammen. So wurde in diesem Beitrag von einem erfolgreichen Züchter der nächstfolgenden Generation gelebte Erkenntnis vorgestellt, die Ilmar Randujas Postulat, dass biodynamisches Züchten Selbsterziehung beinhalte, verinnerlicht und bestätigt hat.
Christina Henatsch berichtete aus der Arbeit der biodynamischen Züchtervereinigung «Kultursaat». Dieses Netzwerk von Züchtenden mit individuellen Ansätzen arbeitet auf ca. 30 Betrieben in Deutschland. In den Erwerbsanbau integriert oder auf spezialisierten Zuchtbetrieben werden Züchtungsmethoden erforscht und künftige Sorten – ausgehend von traditionellen oder neueren Züchtungen – entwickelt. Forschung, Anbau und Selektion geschehen in einem intensiven und achtsamen Umgang mit der Pflanze. Christina Henatsch stellte ihren persönlichen Fokus auf die menschliche Ernährung vor und bezeichnete als Ziel der biodynamischen Züchtung, die Pflanzen zu Nahrungsmitteln zu machen, die uns darin unterstützen, für das Geistige empfänglich zu werden.
Österreich wurde durch Reinhild Frech Emmelmann vertreten. Sie schilderte das organische Wachstum ihres Betriebes «Reinsaat», in dem seit bald 30 Jahren zusammen mit 60 Vermehrungsbetrieben immer neue Gemüse- und Blumensorten entstehen und verkauft werden.
Erst in der Übersicht aller Beiträge wurde deutlich, welch geniale Vision Andreas Ellenberger bei der Organisation dieser Veranstaltung vor Augen hatte: ein erster Tag zum Leben des Jubilars mit biografischen Momenten – im eingeführten Buch und in Erinnerungen aus seinem näheren Umkreis, dann mit künstlerischen Beiträgen in Sprache, Eurythmie und Musik aus seiner seelischen Heimat. Ein zweiter Tag, der zeigt, wie weite Kreise Ilmar Randujas geistiger Impuls und seine unermüdliche Arbeit gezogen haben – dass aus seiner züchterischen Hinwendung zu den Kulturpflanzen in allen deutschsprachigen Ländern Netzwerke entstanden sind, deren Initianten, auch wenn sie zum Teil persönlich nicht viel mit ihm zu tun hatten, doch bei ihm gelernt haben und impulsiert wurden, ihr Leben in den Dienst der biodynamischen Züchtung zu stellen.