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30.04.2026

Sorten sind lebendig gewordene Wünsche

Buchvorstellung: Peer Schilperoord: Kulturpflanzen der Schweiz. Sortenvielfalt und historisches Erbe.

Ruth Richter

Unser Mitglied Peer Schilperoord hat Gelegenheit bekommen, sein breites Wissen um die Praxis der Züchtung und die Geschichte der Kulturpflanzen in einem Werk zusammen zu bringen. Man kann in diesem Buch lernen, dass Gerste, Einkorn, Emmer, Erbse und Lein, gemäss den ältesten Funden, im 6. Jahrtausend vor Chr. die dauerhafte Besiedelung der Schweiz ermöglicht haben. Der Haupt Verlag, der sich die Information über die Natur- und Kulturlandschaft der Schweiz zur «Hauptsache» gemacht hat, hat mit Peer Schilperoord einen glücklichen Griff getan. Denn dieser Autor hat sich nicht nur seit vielen Jahren mit der Sammlung historischer Informationen über bäuerliches Erfahrungswissen befasst und historische Recherchen zu den Kulturpflanzen betrieben, sondern ist selbst Teil dieser Geschichte. Seit der Zeit als Geschäftsführer der Produzenten-Genossenschaft Gran Alpin hat er zahlreiche Sortenprüfungen und Erhaltungszüchtung von Getreide für das Berggebiet durchgeführt sowie bis 2020 diverse alpine Schaugärten betreut.

Das gut vierhundertseitige Werk ist in einen allgemeinen und einen speziellen Teil gegliedert. Der erste, allgemeine Teil veranlagt das allgemeine Grundwissen, das für ein Verstehen der Sortenvielfalt nötig ist. Um zu zeigen, wo Züchtung ansetzt, werden Lebenszyklus, Gestaltbildung, Physiologie und die Beziehung der Pflanze zu ihrer Umgebung, zum Klima, zu den Mikroorganismen und zu den irdischen Gegebenheiten kurz charakterisiert. Zum Grundwissen gehört auch die Geschichte der gesellschaftlichen Entwicklungen, die mit der Entstehung der Landsorten einhergegangen sind. «Das Sortenspektrum bewegt sich zwischen dem Festhalten an Altbewährtem und dem Impuls, Neues zu wagen. Sorten sind Momentaufnahmen einer Kulturpflanze, die sich laufend entwickelt.» (S. 42)

Zwei Revolutionen, eine leise und eine laute, haben nach Schilperoord das Sortenspektrum seit der Neuzeit verändert. Die erste war die Förderung der Bodenfruchtbarkeit, die mit dem gezielten Anbau von Leguminosen begann und allmählich die Erträge verbesserte. Die zweite begann mit der Synthese von Stickstoffdünger, die die Landwirtschaft ein Stück weit vom Einfluss der Umgebungsbedingungen befreit hat. Dies hatte einen schwerwiegenden Umbau des Sortenspektrums zur Folge. Die an die steigenden Düngergaben angepassten Sorten hatten eine ganz andere Architektur als die Landsorten, und verdrängten zunehmend die vor dem zweiten Weltkrieg verbesserten Sorten. Vielfalt war viel weniger gefragt, weil Düngung und Pflanzenschutz die Äcker verschiedenster Gegenden tendenziell einheitlicher machten.

Die zweite Revolution führte dazu, dass in den 80er Jahren des 20. Jh. das Bestreben entstand, die Sortenvielfalt bei Getreide, Futterpflanzen und Gemüse zu erhalten und zu schützen, weil sie in der Landwirtschaft nicht mehr benutzt wurde. Auch dieses Buch verdankt seine Entstehung dieser Trennung des Sortenspektrums. Es widmet sich den Kultursorten mit einem direkten Bezug zur Schweiz, die in der Genbank in Changins als erhaltenswert eingelagert worden sind.

Das Buch schlägt einen Bogen von den ersten archäobotanischen Funden bis in die Gegenwart. Die historischen Recherchen zur Geschichte der Kulturpflanzen begannen im Rahmen von kantonal und staatlich geförderten Projekten wie z.B. die Arbeit an der Schriftenreihe «Kulturpflanzen in der Schweiz». Die eigene Erfahrung mit der Getreidezüchtung und eine intime Kenntnis der Kulturpflanzen aus eigener Anbaupraxis haben dem Autor ermöglicht, das Thema lebensnah und spannend zu vermitteln. Ein Lesevergnügen für alle, die mehr wissen wollen über das, was sie essen – und ein wertvolles Nachschlagewerk für Fachleute.

ISBN 978-3-258-08390-2. Haupt Verlag Bern, 2025. 415 Seiten, Hardcover.