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29.04.2026

Wenn wir nicht mehr wissen können, was wir essen

Oder: Geschwärzte Zutaten

Wenn die aktuellen Gesetzesvorschläge mitte Mai vom EU-Parlament angenommen werden, werden sich die Vorschriften zur Lebensmittelkennzeichnung in der EU ändern. Wir werden möglicherweise nicht mehr erfahren können, ob unsere Lebensmittel gentechnisch veränderte Organismen (GVO) enthalten. Dies würde uns Verbraucher:innen ein grundlegendes Recht nehmen: das Recht zu wissen, was wir essen. Unsere Entscheidungsfreiheit steht auf dem Spiel. 

Bisher müssen alle gentechnisch veränderten Lebensmittel in der EU eindeutig gekennzeichnet sein. Seit mehr als zwanzig Jahren entscheiden sich viele Verbraucher:innen in ganz Europa dafür, GVO zu meiden. Als Reaktion darauf haben die meisten Supermärkte beschlossen, diese nicht anzubieten, und Landwirt:innen sehen keinen Vorteil darin, sie anzubauen. Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind in der EU nicht verboten. Es gibt einfach keine Nachfrage danach. 

Dennoch erwägt die EU – nach Jahren intensiver Lobbyarbeit der grossen Saatgutkonzerne – neue Rechtsvorschriften, die Pflanzen, die mit neuen Techniken wie CRISPR-Cas (“Genschere”) verändert wurden, von ihren GVO-Vorschriften ausnehmen würden. Für diese würden die üblichen EU-GVO-Anforderungen nicht mehr gelten: keine verpflichtende Risikoprüfung vor der Zulassung, keine Verpflichtungen zur Kennzeichnung auf der Verpackung des Endprodukts oder zur Rückverfolgbarkeit. 

Die meisten Europäer:innen möchten aber wissen, ob ihre Lebensmittel gentechnisch verändert sind. Die neue Gesetzgebung wird gentechnisch veränderte Lebensmittel praktisch unsichtbar machen und uns keine andere Wahl lassen, als sie zu kaufen und zu essen. Die neue Gesetzgebung setzt Neue Gentechnik-Pflanzen den Pflanzen aus konventioneller Züchtung gleich. Doch die neue Gentechnik kann genetische Veränderungen bewirken, die durch konventionelle Pflanzenzüchtung nicht zu erreichen sind. Wie bei traditionellen GVOs entsteht auch mit den neuen Techniken eine unbekannte Anzahl von Gen-Duplikationen, die durch unterschiedliche Entwicklungen zu unvorhersehbaren Effekten bei den Pflanzen führen.[1]

Landwirte im ökologischen oder konventionellen GVO-freien Anbau sorgen sich um die Verunreinigung ihrer Felder, denn alle bisherigen Schutzmaßnahmen vor Verunreinigungen und auch die Haftungsregelungen sollen abgeschafft werden. Gentechnikfreie Lebensmittel anzubauen wird schwierig, Landwirte fürchten Konflikte und teure Rechtsstreitigkeiten. Landwirte befürchten auch eine Patentierungswelle. Denn neue Gentechnik-Pflanzen sind patentierbar. Patente behindern die freie Züchtung und führen zu noch mehr Konzentration am Saatgutmarkt. Das bedeutet weniger, aber teurere Sorten und Abhängigkeit von den Patentinhabern.

Die neue Gesetzgebung käme großen Saatgutunternehmen zugute, die den kommerziellen Saatgutmarkt bereits dominieren. Sie halten die meisten Patente auf gentechnisch veränderte Pflanzen und hoffen auf einen leichteren Marktzugang ohne Sicherheitsprüfungen und Kennzeichnung. Verbraucher:innen, Pflanzenzüchtende und Landwirt:innen würden den Preis dafür zahlen. Verbraucher:innen würden die Möglichkeit verlieren, sich für GVO-freie Lebensmittel zu entscheiden. Für kleine und mittlere Pflanzenzüchtungsunternehmen und Bäuer:innen wären die Folgen existenziell. Höchstwahrscheinlich wird das EU-Parlament Mitte Mai zum dritten Mal darüber abstimmen, ob auch der Einsatz von neuen GVO weiterhin gekennzeichnet werden muss. 

Das EU-Parlament hat 2024 klar eine Kennzeichnung bis zum Endprodukt gefordert. Eine Mehrheit der nationalen Minister:innen fordert jedoch, dass wir im Unklaren gelassen werden sollten. Der derzeit vorliegende Gesetzestext sieht keine Kennzeichnung vor!

Nun hat das EU-Parlament die Möglichkeit, dies zu ändern und das Recht auf Information für uns alle zu verteidigen. Die EU-Abgeordneten müssen von Ihnen und uns hören, bevor sie diese Entscheidung treffen. Dies ist unsere letzte Chance, zu verhindern, dass wir das Recht darauf verlieren, zu wissen, was wir essen. 

Sie können Ihren EU-Abgeordneten über dieses einfache Tool schreiben - es dauert nur zwei Minuten.

 

[1] Siehe z.B. Benoit, M. et al. (2024): Solanum pan-genetics reveals paralogues as contingencies in crop engineering. Nature Vol 640, pp. 135-144.