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Pflanzenporträt

Urtica dioica und Urtica urens

Grosse und kleine Brennessel

Die Grosse Brennessel – Urtica dioica – ist eine treue Gefährtin. Sie stellt sich mit ihrer mächtigen, aufrechten Gestalt, die bis über einen Meter hoch werden kann, überall dort ein, wo es einen Überschuss an Nährstoffen im Boden auszugleichen gilt. Als ausgesprochener Stickstoffzeiger gilt sie als Kulturbegleiter.

Einmal aufgelaufen oder angepflanzt verbreitet sie sich über ihre leuchtend gelben unterirdischen Ausläufer und kann viele Jahre geerntet werden. Als Indiz, dass sie – wie auch die Kleine Brennessel – früh von Menschen in Kultur genommen wurde, kann es gelten, dass beide heute fast weltweit verbreitet sind, ohne dass ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet bisher bestimmt werden konnte. Auch ihr Potential als gesundheitsfördernde Nahrungspflanze mag zur verbreiteten Nutzung der Brennnessel beigetragen haben.

Wie der lateinische Name dioica (zweihäusig) sagt, gibt es bei der Grossen Brennessel männliche und weibliche Pflanzen. Die männlichen Blüten streben kräftig aufrecht nach oben, die weiblichen hängen herab. Beim Hortus-Partner Weleda stehen einige Hundert Quadratmeter im Anbau, denn es werden beide Blütenarten in aufwändiger Kleinarbeit geerntet. So konnten wir von einem Teil dieser Fläche für die Samenernte für Hortus officinarum profitieren. Ebenso arbeitsintensiv wie die Blütenernte ist die Saatgutgewinnung, und auch die Reinigung der winzigen Samen ist nicht ganz einfach.

Urtica dioica

Wie sie den Boden bei Überdüngung «heilt», wirkt die Grosse Brennessel auch beim Menschen entschlackend und harntreibend – ideal für eine reinigende Frühjahrskur. Neben zahlreichen medizinischen Anwendungen wird sie auch in der Naturkosmetik für Haar und Haut eingesetzt.

Urtica urens

Die Kleine Brennessel – Urtica urens – ist von zierlicherem Wuchs als ihre grosse Schwester, sie wird nur bis ca. 60 cm hoch, und ihre kreuzweise gegenständigen Blätter werden inklusive Stiel kaum länger als 5 cm. Die ganze Pflanze ist zerstreut mit Brennhaaren besetzt. Die eiförmig zugespitzten Blätter sind tief gezähnt und heller grün als die der Grossen Brennnessel. Während letztere sich über kriechende Rhizome mit einem dicht verästelten Wurzelsystem ausbreiten kann, ist Urtica urens ganz auf die Vermehrung über Samen angewiesen. Sie ist getrenntgeschlechtlich einhäusig. Das heisst, dass die unscheinbaren Blütenährchen, die aus den Blattachseln entspringen, sowohl Staub- als auch Stempelblüten tragen. Bei den Stempelblüten umschliessen zwei Kelchblätter den einfächerigen Fruchtknoten, in dem eine einsamige Nussfrucht gebildet wird.

Im Gegensatz zu Urtica dioica ist Urtica urens züchterisch nicht bearbeitet worden. In der Schweiz ist Saatgut selbst in Botanischen Gärten schwer erhältlich. Die von HORTUS erhaltene Herkunft «Urtica urens Hortus» stammt ursprünglich von zwei deutschen Herkünften ab und ist über mehrere Generationen an das Klima im Mittelland angepasst worden.

Obwohl die Kleine Brennnessel – einmal angesiedelt – an geschützten Stellen in verschiedenen Jahreszeiten ein üppiges spontanes Auflaufen zeigt, ist die Keimung bei Direktsaat im Feld erfahrungsgemäss unzuverlässig und unregelmässig. Wir haben gute Erfahrungen mit einer Voranzucht im Gewächshaus, die Pflanzung kann dann nach Einsetzen der Bodenwärme ab Mitte Mai in ein feinkrümelig vorbereitetes Beet erfolgen.

Eine Vorkultur mit guter Stickstoffversorgung oder Leguminosen ist von Vorteil, da bei direkter Düngung der Kultur wegen möglichem Pilzbefall grosse Vorsicht geboten ist. Nach warmen Jahren mit üppigem Wuchs und sehr vielen goldenen Samen hat sich die Kleine Brennessel bei ungünstiger Witterung wiederholt als «launische» Kultur gezeigt, bei der gelegentlich auch mit weitgehendem Ernteausfall gerechnet werden muss.

Die Samen reifen sehr unregelmässig über eine lange Zeit. Bei der Samenernte hat sich mehrmaliges Schütteln über einer Unterlage oder direkt in Gefässe zu verschiedenen Zeitpunkten bewährt.

An den Blütenblättern der Staubblüten befindet sich je ein elastisch aufspringendes Staubgefäss. Es findet Windbestäubung statt. Dennoch wird die Pflanze gerne von verschiedenen Insekten aufgesucht und findet als Wirtspflanze für die Raupen des Kleinen Fuchses in den Eiablagezeiten auch eine farbige Ergänzung.

Die Kleine Brennnessel, deren Brennhaare deutlich schärfer wirken als die ihrer grossen Schwester, kommt in der anthroposophischen Medizin vor allem bei Insektenstichen, Verbrennungen und Hautausschlägen zum Einsatz.

Text: Ruth Richter, Michael Straub, Andreas Ellenberger

Literatur:

Meyer, Frank; Straub, Michael: 12 magische Heilpflanzen – und ihre Vielfalt in der Pflanzenheilkunde, Verlag Eugen Ulmer 2022.

Porträt Urtica urens